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Geschichte des Weinbaus im Thurgau
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Die Geschichte des Weinbaus im Kanton Thurgau

Einst „das Chianti der Alpennordseite“

Die Schlösser Arenenberg und Salenstein Ende des 19. Jahrhunderts: Eine geschlossene Reblandschaft.   

Unmittelbar bei ihrer Basilika pflegten die Mönche des Klosters Kreuzlingen Weinbau. Heute parken hier Autos.      

Schwerstarbeit: Mehltaubekämpfung mit der Rückenspritze in steilen Rebhängen.    

Der Stickelanbau war bis 1950 im Rebbau üblich. Die Ablösung durch den Drahtanbau brachte eine markante Qualitätsverbesserung, weil mit der gleichzeitigen Reduktion der Bestockung auf einen Viertel die Ueberbeanspruchung der Böden beendet und vermehrter Maschineneinsatz möglich wurde.   

Johann Adam Pupikofer schätzte 1837 das Nutzland des Kantons Thurgau auf 66‘280 Hektaren. Davon umfasse die Rebfläche den 30. Teil, also etwa 2200 Hektaren (Band Thurgau der Reihe „Gemälde der Schweiz“). Gustav Schmid errechnete für 1801 eine Rebfläche von 2325,26 Hektaren (Band 110 der Thurgauer Beiträge zur Geschichte, 1972). Heute beansprucht der Weinbau mit 272 Hektaren noch rund einen Zehntel der damaligen Fläche.

Waren es tatsächlich erst die Römer, welche den Wein an den Bodensee brachten? Trauben wurden offenbar schon früher geerntet, denn in steinzeitlichen Fundstellen an Bodensee und Hochrhein fanden Archäologen Traubenkerne an den Feuerstellen. Ob allerdings im Neolithikum in unserer Gegend bereits Weingenüsse bekannt waren, lässt sich nicht belegen, auch gab es keinen gezielten Rebbau. Bei den gefundenen Kernen handelte es sich wahrscheinlich um die Waldrebe, die Vitis silvestris. Sie wird als Vorläuferin oder ganz nahe Verwandte der heutigen Reben betrachtet. Wahrscheinlich sind spontane Rebsorten entstanden: Der Räuschling zählt dazu, wie auch der Riesling, der seinen Ursprung in den Auenwäldern des Rheins hatte.
Die Kelten waren keine Ackerbauern, sondern Sammler und Jäger. So gab es vor der Unterwerfung der Kelten durch die Römer nördlich der Alpen keine Rebberge. Hingegen war den keltischen Fürsten, Kriegern und Händlern Wein bekannt. Sie brachten ihn von Kriegszügen und Wanderungen aus dem Mittelmeerraum mit. Weinfreuden waren also bereits vor den römischen Legionen bei uns zu erleben.

Erbe der Besatzer: Der Rebberg
Was eine Besatzungsmacht in ein erobertes Gebiet bringt, wird von den Besiegten selten als gut empfunden. Der kultivierte Rebbau hingegen, der im 3. Jh. n.Chr. am Bodensee nachweisbar ist, galt als Bereicherung. Dafür brachten die Römer verschiedene Sorten aus dem Süden mit. Diese waren jedoch nur bedingt für den Anbau im Norden geeignet. Zusammen mit den heimischen, noch „wild“ wachsenden Sorten in Kultur genommen, ergab sich daraus jedoch eine erste Zeit der Weinkultur am Bodensee! Römer und Gallier schenkten dem Weinbau grosse Beachtung und belebten ihn mit besseren Rebsorten und ausgereifter Anbau- und Kelterungstechnik. Die weitreichende Bewirtschaftung sonniger Hanglagen unter römischer Herrschaft ist zwar nicht schriftlich belegt, aber zahlreiche Funde deuten darauf hin. Ein weinverwöhntes Volk wie die Römer wollte selbst auf ihren weit entfernten Feldzügen nicht ohne Wein sein. In der Bodenseeregion fanden sie ideale Bedingungen für die Reben. Auch sprachlich haben die Römer Begriffe für den Weinbau hinterlassen: wie das Wort Vase ist auch der Begriff Fass vom römischen „vas“ abgeleitet, der Eimer geht sprachlich auf die römische Amphore zurück. Als „Torkel“ bezeichnen wir noch heute Drehpressen zur Gewinnung von Traubensaft. Dieses Wort stammt vom lateinischen „torquere“ für drehen. Sollte sich die Welt nach Weingenuss zu drehen beginnen, dann torkelt der Betroffene. Namen für weitverbreitete und bekannte Weinsorten, wie etwa der Weissweinsorte „Elbling“ erinnern an ihren römischen Ursprung: Weiss heisst auf lateinisch „album“. Nach den Römern folgten am Bodensee die Alemannen, für die der Wein keine Rolle spielte. Ihr Getränk war das Bier. Sie kannten aber immerhin Met, eine Art Honigwein.

Den Karolingern sei Dank
Erst mit den Franken kehrte im 7. Jahrhundert auch der Wein wieder zurück in unsere Region. Nach und nach unterwarfen sie die Alemannen und führten nicht nur den christlichen Glauben, sondern auch den Wein wieder ein. Die Franken waren in den meisten klassischen Weinanbaugebieten Westeuropas beheimatet. Das Christentum ist zudem eng mit dem Wein verbunden: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“
Die Klöster führten gut funktionierende landwirtschaftliche Betriebe, die nicht nur ihren eigenen Messwein produzierten, sondern auch die Entwicklung und Verbreitung des Weins als Kulturgut und Medizin vorantrieben. Bereits im 8. Jh. baute das Kloster Reichenau in seinen Besitzungen am Untersee auf grossen Flächen Wein an. In einer Urkunde des Klosters St. Gallen ist um 778 n. Chr. erstmals die Rede von einer „vinea“ (einem Weingarten) in Romanshorn und Stammheim im Jahre 834. Das Kloster Rheinau erhielt im Jahr 876 Rebberge in Trüllikon.

Bares Geld
Noch bevor sich die drei Urkantone auf dem Rütli zum Bundesschwur versammelten, wurden im 13.
Jahrhundert mehrere Spitalstiftungen gegründet, welche teilweise bis heute Bestand haben: Die Spitalstifte Konstanz und Überlingen, sowie das Spitalstift Salem. Diese drei bewirtschafteten im 15. Jahrhundert an die 4000 Hektaren Weinberge; eine beeindruckende Fläche.Der heutige Bestand umfasst weniger als einen Viertel.
1589 standen im Überlinger Spital gemäß der Hausordnung jeder Person drei Liter Wein pro Tag zu. Wein wurde aber nicht nur getrunken, er diente als Zahlungsmittel etwa zum Erwerb des Bürgerrechts. Es wurden auch Strafen in Wein bemessen. Wein war Zehnt-Steuer für den Pfarrer, er galt als Arznei, wurde zum Kochen und Waschen verwendet und mancher Maurermeister schwörte auf Wein zum Anrühren des Mörtels, besonders im Winter. Noch heute spekulieren einige Historiker, ob sich zahlreiche mittelalterliche Gebäude vielleicht gerade deshalb so gut gehalten haben, weil Wein im Mörtel ihnen eine ganz besondere Standfestigkeit verliehen haben.

Monokultur Reben
Nicht nur die Bevölkerung am See wuchs. Weit über die Region hinaus wuchs auch die Nachfrage nach Wein vom Bodensee. Verstärkt wurde Wildland erschlossen und andere agrarische Nutzungen zurückgedrängt. Der Weinbau entwickelte sich am See zur Leitkultur, stellenweise gar zur Monokultur. In vielen Anbaugebieten wurden dazu Terrassen angelegt. Der Weinbau am See blieb von der europäischen Agrarkrise des 14. und 15. Jahrhunderts verschont. Erst obrigkeitlicher Zwang mit Anbauverboten aus Angst vor Hungersnot vermochte der Überproduktion an Wein etwas Einhalt zu gebieten. Die Reduktion betraf jene Gebiete, die der Bodenbeschaffenheit und mangelnder Besonnung wegen nur schlechte Erträge und Qualitäten erbrachten. Mit der zurückgewonnen Ackerfläche wandelten sich Landschaften im voralpinen Bereich zu Bierregionen; nicht so jedoch am Bodensee, im Thur- und Lauchetal. Konstanz beispielsweise schützte den Rebanbau gegenüber anderen alkoholischen Getränken durch besondere Vergünstigungen. Insbesondere der Thurgau galt als „das Chianti nördlich der Alpen“. Vor dem Bahnbau wurde der Export in den schwäbischen Raum von der Bodensee-Schifffahrt mit ihren Lastkähnen begünstigt. Wein und Getreide waren bis ins 19. Jahrhundert die wichtigsten Handelsgüter, welche die Länder nördlich und südlich des Bodensees austauschten. 1832 wurde festgehalten: „Die getreidereichen Gräzbezirke des südlichen Schwabens nebst dem holzreichen Vorarlberg auf der einen, die weinreichen Gräzbezirke der östlichen Schweiz auf der andern Seite, sind von der Natur in dasjenige Verhätniβ zu einandergesezt, welches für den Wohlstand der Vöker das Gedeihlichste ist.“




Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 02. September 2010 um 14:14 Uhr